Schön wird es erst, wenn wir aus der Vergangenheit für die Zukunft gelernt haben!

11.11.2014: Stellungnahme vom Rat für die Künste anlässlich der temporären Transformation der Mauerkreuze zum 25. Jahrestages nach dem Mauerfall

Der Rat für die Künste bedankt sich beim Team des Maxim Gorki Theaters und seiner Intendantin Shermin Langhoff, dass sie eine Kunstaktion unterstützt haben, die uns daran erinnert hat, dass Feiern und Rückschauen auf den 9. November 1989 nicht alles gewesen sein können.

Schon Heiner Müller hat kurz nach dem Mauerfall in der damals herrschenden Euphorie über die friedliche Revolution warnend seinen Finger gehoben. Er war sich sicher, dass neue Mauern gebaut werden würden, in anderer Form, an anderer Stelle und so ist es dann auch gekommen. Mit dem Schengen Abkommen und der Gründung von Frontex, der von den EU-Staaten gegründeten Agentur, die mit einem hohen Budget ausgestattet die Überwachung der europäischen Außengrenzen übernommen hat, wurden die Grenzen zwischen Ost und West verlagert und um ein neu formiertes Europa gezogen. Die Stacheldrahtgrenzen nach Osten und vor allem das Mittelmeer werden mit neuesten Technologien überwacht und schwerst gesichert.

An der innerdeutschen Grenze kamen zwischen 1961 und 1989 138 Menschen ums Leben, allein im Mittelmeer kommen nach vorsichtigen Schätzungen von Pro Asyl jedes Jahr um die 50.000 Menschen ums Leben, die vor Krieg, Verfolgung und menschenunwürdigen Lebensumständen versuchen zu fliehen. Da sei ein Hinweis von Künstlern erlaubt, die hier Parallelen versuchen aufzuzeigen.

Welche Lehren haben wir aus dem Zweiten Weltkrieg, aus den 12 Jahren der Nazibarbarei gezogen? Sollten wir Deutschen nicht beschämt Lehren ziehen aus den damaligen vergeblichen Versuchen politischer und jüdischer Flüchtlinge, der Verfolgung und Ermordung zu entkommen? Wer erinnert sich z.B. noch an die St. Louis, das deutsche Reederschiff, das 1939 mit über 900 jüdischen Flüchtlingen versuchte in den USA Asyl zu bekommen und von dort zurück in die deutschen Gaskammern geschickt wurde? „Nie wieder“ – haben wir 1945 als wichtigste Lehre aus der deutschnationalen Vergangenheit geschworen.

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Und eine nicht minder wichtige Lehre war die Freiheit der Kunst, damit Politiker nie wieder in die Versuchung kommen sollten zu bestimmen, was sie für opportun und zustimmungsfähig definieren, um damit ihre Politik zu illustrieren, während andere Kunstformen unterdrückt oder gar vom Staatsschutz verfolgt werden, wie gerade die Künstlergruppe „Zentrum für Politische Schönheit“.

Auch der Mauerfall hat uns gelehrt, dass Grenzen geöffnet werden müssen, die Bewegungsfreiheit des Menschen nicht eingeschränkt werden darf. Diejenigen, die an der Mauer umkamen, haben für diese Ziele ihr Leben gelassen Die Kreuze sind Symbole und als solche haben sie nun dafür gesorgt, dass unsere Aufmerksamkeit von einem historischen Ereignis auf die aktuelle politische Situation gelenkt wurde, in der sich täglich tausende von Menschen befinden. „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“ (GG Art. 3) oder sind die Deutschen doch schon wieder „gleicher“ als andere? Wir sollten der Künstlergruppe dankbar sein, dass sie den 9. November in einen größeren historischen und zeitgenössischen Zusammenhang gestellt hat. Denn das ist die Aufgabe der Kunst: immer wieder die Finger in die Wunden zu legen und nicht Sichtbares sichtbar werden zu lassen.

Der Rat für die Künste ist dem Maxim Gorki Theater und dem Zentrum für Politische Schönheit dankbar für diese wichtige und ergänzende Aktion zum 9. November 2014.

Wir fordern den Innensenator Frank Henkel auf, jede staatspolitische und strafrechtliche Verfolgung sofort einzustellen, denn die temporäre Entfernung symbolischer Kreuze ist keine Grabschändung, die Aktion war keine Verunglimpfung unseres Staates und vor allem: Kunst ist frei und grundgesetzlich geschützt.