Der Rat für die Künste und das Aufgabenfeld Kulturelle Bildung

Aktuelles:

Die AG Kulturelle Bildung vom Rat für die Künste veranstaltet:

 

PLATZ 15/Positionen aus der Kultur zur Bildungsentwicklung in Berlin

1. Veranstaltung am 27.10.10, 20 Uhr

JugendKunst- und Kulturhaus Schlesische27

Schlesische Straße 27b, 10963 Berlin-Kreuzberg

Weitere Informationen: Platz 15_1

 

 

Die Offensive Kulturelle Bildung des Rates für die Künste hatte 2006 zur Gründung von „"Künste und Partner" geführt, die in mehreren Tagungen, Veranstaltungen und auf der Grundlage von zukunftsweisenden konzeptionellen Ideen zur Intensivierung der Debatte um die kulturelle Bildung beigetragen haben. Mittlerweile wurde Künste und Partner in der „Kulturprojekte Berlin GmbH“ integriert. 2008 wurde der Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung mit einem jährlichen Volumen in Höhe von 2 Mio. Euro gegründet.

Grundsatzpapier des Rates für die Künste zur Kulturellen Bildung:

  1. Wenn der Rat für die Künste Kulturelle Bildung thematisiert und als Aufgabenfeld identifiziert, so tut er das nicht aus einer Gutmenschensicht heraus, sondern aufgrund der Erkenntnis, dass die Zukunft von Kunst und Kultur und ihrer Institutionen ohne interessierte und gebildete Produzenten und Rezipienten bald an ihr Ende kommen wird.

  2. Der Rat für die Künste ist sich darüber im Klaren, dass Teilhabe an Kultur, ein Grundrecht aller Menschen, nur realisiert werden kann, wenn auch das Recht auf kulturelle Bildung realisiert wird. Voraussetzungslose Proklamation von Teilhabe bleibt ein Papiertiger.

  3. Die Realität kultureller Bildung sowohl in qualitativer wie in quantitativer Hinsicht ist in Berlin im schulischen wie außerschulischen Bereich mehr als mangelhaft. Bildungs- und Kulturinstitutionen, die traditionell diesen Auftrag haben, sind seit Jahren von Kürzungen und Umorientierungen zu Lasten der kulturellen Bildung betroffen:

    • Beispiel Bibliotheken: sowohl Medienetats wie Personalausstattungen sind massiv gekürzt. Im neuen Schulgesetz tauchen Bibliotheken nicht mehr auf.

    • Beispiel Volkshochschulen: Der Lehrbereich Kulturelle Bildung ist zugunsten beruflicher und sprachlicher Bildung in den Hintergrund getreten.

    • Beispiel Musikschulen: Massive Honorarkürzungen haben endlose Wartelisten entstehen lassen. Privatunterricht ist für sozial Unterprivilegierte nicht zu leisten, dies trifft jedoch bereits auf den Einzelunterricht an den staatlichen Musikschulen zu.

  4. Die Erkenntnis der Bedeutung frühkindlicher Erziehung hat kaum zu Konsequenzen in den staatlichen Einrichtungen geführt. Es gibt so gut wie kein qualifiziertes künstlerisches Angebot in den Kindergärten, da dafür weder auch nur im Entferntesten ausreichend qualifizierte ErzieherInnen noch Honorarmittel für Externe zur Verfügung stehen.

  5. Kulturelle Bildung in der zentralen Berliner Bildungsinstitution, der Allgemeinbildenden Schule, droht trotz großer Bemühungen einzelner Schulen und LehrerInnen zu einer Katastrophe zu werden, zum Teil ist diese bereits eingetreten.

    • Eine schon seit Beginn der 90er Jahre währende Entwicklung hat durch die PISA-Tests eine rapide Beschleunigung erfahren. Die PISA-Debatte hat den Stellenwert der kulturellen Bildung verändert. Nur die „harten“ Schulfächer – als die geprüften und verglichenen – werden von Lehrern, Eltern und Bildungspolitikern ernst genommen. Künstlerische, kreative Fähigkeiten erscheinen nur noch als entbehrlicher Luxus, die darauf bezogenen Unterrichtszeiten werden zur Verfügungsmasse.

    • In den Grundschulen stehen viel zu wenig qualifizierte FachlehrerInnen zur Verfügung und so wird meist fachfremd unterrichtet. Wenn überhaupt finden sich lediglich nur noch FachlehrerInnen für Musik und Kunst. Theater und Tanz, von allen Fachleuten für kindliche Entwicklung auch im kognitiven Bereich als immens wichtig eingeschätzt, ist nur bei persönlichem Engagement einzelner LehrerInnen präsent.

    • In der SEK I (7.-10. Klasse) verschärft sich die Situation zunehmend. Eine Stundentafelkürzung macht es möglich, bildende Kunst und Musik nur noch marginal auftauchen zu lassen. Auf der Oberstufe sind die musischen Fächer sogar abwählbar.

    • Die Ausbildung von FachlehrerInnen, die an der UdK erfolgt, ist auf eine unerträgliche Studienplatz-Zahl abgesenkt worden, obwohl es angesichts der tatsächlichen Bedürfnisse zu wenig Musik- und KunstlehrerInnen gibt.

    • Das Schulsystem wehrt sich gegen Kooperationen mit schulfremden Menschen und schulfremden Strukturen. Dies trifft KünstlerInnen wie künstlerisches Arbeiten, welches nicht in Stundentafeln pressbar ist, sondern Projektarbeit und Autonomie erfordert.

    • Hervorragende Erfahrungen mehrere Modellversuche auf Bundes- und Länderebene, in denen KünstlerInnen als KünstlerInnen in Schulen arbeiteten (vergleichbare Erfahrungen gibt es mit ExpertInnen anderer Gruppen wie z.B. WissenschaftlerInnen) wurden nicht in die Schulpraxis aufgenommen.

    • Aufgrund hoher Klassenstärken und LehrerInnenmangel sind Ausflüge zu Kultureinrichtungen (Museen, Kindertheater) schwierig geworden, weil die aus Versicherungsgründen notwendige zweite Lehrkraft (oder ErzieherIn) nicht zur Verfügung steht.

    • Die wichtigen neuen Möglichkeiten, die die Ganztagsschule insbesondere für Kinder mit sozial schwierigem und bildungsfernem Hintergrund bieten kann und die all die Unterrichtsformen und –inhalte ermöglichen könnte, die quer zum Zwangsstundenrhythmus der Schule liegen, können nicht ausgeschöpft werden, weil weder konzeptionell noch strukturell geplant wird und keine finanzielle Möglichkeiten für die Schulen existieren, sich kompetente Partner in die Schulen zu holen.

    • Das neue Schulgesetz gebietet den Schulen, Profile zu entwickeln und Partnerschaften zu suchen, in der Nachbarschaft, im Quartier oder auf fachlich qualifizierender Ebene - jedoch fühlen sich viele Schulen damit überfordert.

  6. Die im Jugendhilfegesetz festgeschriebene Pflicht, ein angemessenes Angebot kultureller Bildung auch im außerschulischen Bereich zu garantieren, wird durch immer neue Sparmaßnahmen ausgehöhlt. In den wohnortnahen Jugendeinrichtungen stehen kaum mehr künstlerisch qualifizierte Jugendarbeiter, geschweige denn Künstler zur Verfügung, weil Honorarmittel sukzessive gestrichen wurden.

  7. Die bildungsbürgerliche Familie, jahrhundertelang Lordsiegelbewahrer unserer Kultur und entscheidender Initiator und Träger kultureller Bildung, hat im Zuge der post-industriellen Gesellschaft ihre Funktion als Garant für den Erhalt und Transfer kultureller Interessen und selbstverständlicher Teilhabe am Kulturleben ebenso verloren, wie die einst selbstverständliche Gültigkeit kultureller Werte für unsere Identität. Die Schule übernimmt diesen Part nur sehr unzulänglich. Wenn die grundlegende Bedeutung kultureller Bildung weiterhin bejaht wird, müssen neue Verantwortungspartnerschaften entwickelt werden.

  8. Meist beinhaltet soziale Exklusion auch kulturellen Ausschluss. „Rhythm is it“ riss viele zu Begeisterung hin, die dabei übersahen, dass dies Projekt eine hervorragende Übertragung eines in Großbritannien entwickelten umfangreichen „Education Programms“ war, das sich dort eben nicht in einer punktuellen großartigen Aktion realisiert, sondern in einem nationalen Programm kultureller Teilhabe als Beitrag zu sozialen, gesellschaftlichen Teilhabe. Auf diesem Hintergrund macht Eliteförderung Sinn, ohne Basis jedoch dünnt Elite sehr rasch aus.

  9. Entwicklung und Innovation der Künste, Veränderungen der ästhetischen Produktion bedarf der Involvierung immer neuer Menschen und immer neuer Vorstellungen, die Wissen über und Interesse an den Künsten mitbringen und entwickeln müssen: Ohne kulturelle Bildung keine innovative Kunstproduktion.

  10. Kunst – ob innovativ oder bewahrend – benötigt ein Gegenüber, das in Sachen Kunst auch alphabetisiert ist. Dies ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Auf die Institutionen der Kunstproduktion kommt jedoch stärker die Aufgabe zu, ihre Position der ästhetischen Formulierung und das darin ausgedrückte Veränderungspotential zu vermitteln, eine Auseinandersetzung mit Innovation möglich zu machen. Die Vermittlung muss innerhalb der Institution stattfinden.

 

Der Rat für die Künste bzw. die ihn tragenden Institutionen sind bereit, aktive Verantwortung mit zu übernehmen, um neue Wege kultureller Bildung in Berlin zu finden.